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KURZGESCHICHTEN «MEIN EUROPA»/ SHORT STORIES «MY EUROPE»__back




Körper

Ihre Wahl des Restaurants, schien ihm, hätte besser nicht ausfallen können. Nicht zu elegant aber gepflegt. Geschmackvoll, nicht überdesigned. Gut gekleidete Gäste, nicht zu prätentiös, keine gelifteten Brüste, keine betäubten Nervenbahnen. Das Essen nicht billig, aber qualitätvoll, wie vieles in Zürich qualitätvoll und nicht billig ist. Und auch sie schön wie am ersten Tag. Glücklich wohl auch, mit ihm nun endlich hier zu sein. Endlich hatte er sie hier besucht.

„Cheers!“, rief er ihr zu.

Sie nahmen ein Schluck vom trockenen Sherry und schauten auf die hübschen kleinen Amusegueules, die sie serviert bekamen.

„Nimm ruhig!“ meinte sie, „ich warte noch ein bisschen bis zum ersten Gang.“

Sie orderte eine Gemüsesuppe zur Vorspeise und einen Sommersalat mit feinen Streifen von Wildlachs zum Hauptgang, während er eine cremige Wurzelsuppe für den ersten Gang und ein Fleischgericht für den zweiten bestellte.

Hält sich zurück, stellte er staunend fest, und hasste sich sogleich für seinen Gedanken. Er fand sie wunderschön aber zu dick. Er wollte darüber jetzt nicht nachdenken. Auch hätte ihr das niemals zugegeben. Aber er mochte dicke Frauen einfach nicht. Ihnen fehlte, so empfand er es, eine Strenge. Mit ihr, das ahnte er, konnte er nur zusammen sein, wenn sie abnimmt. Friss die Hälfte ist die Basis allen Schlankseins! Eine Frage der Disziplin!

„Zum Wohl!“, meinte sie mit einem warmen Lächeln.

„Auf dich und auf diesen schönen Ort hier!“

Sie besitzt doch diese calvinistisch stählerne Disziplin, beschwor er sich und konnte nicht aufhören, diesen ihn peinigenden Gedanken trotz ihres Zauber weiterzuführen. Mehrere Autorenfilme hat sie schon kreiert! Daneben ein Volkswirtschaftsstudium absolviert und eine Promotion begonnen! Kaum jemand, der ein solches Programm zu absolvieren versteht, schon gar nicht in ihrem Alter! Wie kann sie nur so undiszipliniert in punkto Essen sein!

„Wie ist es dir ergangen in Prag?“, unterbrach sie seine Gedanken, und man kam schnell auf dieses und auf jenes zu sprechen. Bald wurde der erste Gang serviert. Man plauderte, trank und lachte. Ihm aber kam immer wieder ihre Figur in den Sinn. Bald hatte er sein köstliches Gericht bis auf den letzten Bissen vertilgt. Beide hatten sie kräftig dem Wein zugesprochen. Sie hingegen hatte vom Essen nur die Hälfte angerührt.

„Hat es dir nicht geschmeckt?“ fragte er verwundert, als der Kellner das letzte Geschirr abtrug.

„Oh ja doch. Ich war schon oft hier. Ich finde es wirklich eines der besten Restaurants hier in der Gegend.“

„Aber warum hast du so wenig gegessen?“

„Ich esse niemals mehr.“

Erschrocken schaute er sie an. Hatte sie erahnt, was ihm immer wieder durch den Kopf ging? Er mochte sie. Keine Frau, die man nimmt und dann vergisst. So kann man mit ihr nicht umgehen! Der Alkohol aber hatte sein Gehirn vernebelt.

„Ich dachte nur“, stotterte es aus ihm heraus, „ich dachte nur, du würdest ganz gern immer mal ein bisschen mehr nehmen.“

Sie lächelte schüchtern und schaute kurz vor sich hin.

„Weißt du“, sprach sie mit traurigem Blick, „wenn ich ehrlich bin, ich finde mich zu dick. Aber, ich habe alles versucht. Ich habe sogar einmal das Rauchen dafür angefangen. Ich hatte schon gefährlich wenig gegessen. Nur noch Obst. Ich habe alles versucht – mit eiserner Disziplin. Irgendwann war ich völlig verzweifelt. Ich bin zum Arzt gegangen. Er hat festgestellt, dass mein Körper voller Wasser steckt. Weißt du, es ist nicht Fett, es ist das Wasser, was mich dick macht. Er hat gemeint, es sei der Stress.“



Europa

Langsam schob sich der Zug über den »Bug« an den Wachposten vorbei durch die Nacht nach Belarus. Isabella hatte das Zugfenster herabgezogen. Der Fahrtwind strich ihr über das Gesicht. Es war Sommer. Zum ersten Mal war sie in den Osten Europas aufgebrochen. Sie fuhr in einem der von Paris nach Moskau üblichen Züge mit Fenstern noch, die man öffnen konnte, um zu einem Abschied zu winken. Das letzte Mal hatte sie einen solchen Zug an einer solchen Grenze vor vielen Jahren erlebt, noch vor dem Fall der Mauer, in Deutschland, als sie einmal über die Interzonenstrecke nach West-Berlin kam. Hier an dieser Grenze, an der sich der Zug langsam von Polen nach Weißrussland schob, winkte niemand.

Ein Ruck, und der Zug hielt an. Müde erleuchteten die Bahnhofslaternen den leeren Grenzbahnhof. Eine Weile passierte nichts. Die eigentümliche Stille ließ die Weite hinter dem Schwarz der Nacht erahnen.

Ein scharfes helles »Klack-Klack, Klack-Klack« brach in die Stille. Eine junge Frau auf High Heels kam in schnellem stolzem Gang heran. Sie trug einen kurzen engen Rock und eine eng taillierte Jacke.

Plötzlich ein aggressives Poltern im Waggon. Tiefe, harte Stimmen. Die Grenzer waren im Zug erschienen. Isabella sah zu, dass sie ihren Pass zur Hand bekam. Schon sah sie auch die junge Frau mit den High Heels hinter den Beamten. Ihr Kostüm – eine weißrussische Offiziersuniform.

Die Grenzkontrolle war für Isabella schnell erledigt. Sie zog sich in ihr Abteil zurück und verriegelte ihre Tür. Sie schloss die Gardinen des Abteilfensters und zum Gang. Sie arrangierte Kissen und Decken auf ihrer Liege noch einmal, zog ihren Rock, ihre Schuhe und Strümpfe aus und legte sich hin. Schnell rückten alle Geräusche in schläfrige Ferne.

Ein Ruck aber riss sie, kaum dass sie zu träumen begonnen hatte, wieder aus dem Schlaf. Noch ein Ruck und wieder einer. Als hätte man den Waggon vom Zug entkoppelt, schien es, als rangierte man ihn wie einen Viehwagen hin und her. Sie wusste nicht, ob sie träumte. Halb noch im Schlaf schlug sie die Augen auf. Ein hallendes metallenes Schlagen war zu hören. Dieses Schlagen hatte sie schon einmal gehört. An der Hand ihres älteren Bruders als kleines Mädchen bei ihrem Vater. Damals – eine riesige Fabrikhalle, riesige metallene Träger über dem Beton aufgebockt. Funkenregen. Hämmern, Schleifen und Schrauben. Und wieder spürte sie ein Ruck, der durch den Zug ging.

Schnell stand sie auf. Sie zog sie ihren Rock an und warf sich eine Wolljacke über die Schultern. Sie entriegelte die Abteiltür und trat hinaus auf den Gang. Auf dem Gang niemand. Sie schob den Vorhang des Gangfensters auf und zog mit einem kräftigen Ruck das Fenster herab. Sie schaute hinaus und wollte ihren Augen nicht trauen.

Eine riesige Werkshalle. Die Waggons entkoppelt. Jeweils zu mehreren in parallelen Gleisen angeordnet. Mitsamt den Passagieren hatte man sie mannshoch über die Gleise gehoben. An den Achsaufhängungen hantierten von fettigem Staub verschmierte Männer. Ein junger Mann nicht weit von ihr. Unter seiner ölverschmierten Kleidung zeichnete sich sein kräftiger Muskelapparat. Er trug schwere lederne Fausthandschuhe. In einer Hand hielt er einen mächtigen Schraubenschlüssel, in der anderen einen schweren Hammer. In weiten, ausholenden Bewegungen schlug er auf die Bolzenmuttern an den Achsen ein. Pling, pling hallte es durch die Halle. Und wieder pling, pling, von dort und von dort. Ein Konzert scharfer heller Glockentöne.

Der Osten – !, schoss es ihr in den Kopf. Hier fängt der Osten Europas an! Die Achsen müssen umgerüstet werden. Im Zarenreich eine breitere Spur – aus strategischen Gründen. Noch heute, bei jedem Zug, der die Hemisphäre schnitt, Achse um Achse galt es zu wechseln, per Hand und per Hubwerk, Tag und Nacht.

Unter ihren nackten Füßen spürte sie jetzt den kühlen weißen Leinenstoff, den man über den Teppich des Schlafwagengangs gespannt hatte. Sie schaute auf den muskulösen jungen Mann, wie er auf die rostigen und verdreckten Muttern schlug und mit seinem mächtigen Schraubenschlüssel die Muttern löste.

Diese Männer – wie sie malochen, jetzt mitten in der Nacht! Wie damals in der Halle die Metallarbeiter oder vielleicht doch mehr noch wie diese gesichtslosen dreckigen Figuren auf diesen Bildern aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert. Ja – ein Bild aus einer anderen Zeit. Aber irgendwie doch auch ein anderes Bild. Irgendetwas – ganz anders.

Nach und nach hatten die Arbeiter ihr Werk vollbracht. Die von der Last der Waggons befreiten Achsen bildeten eine Kette funktionsloser sich merkwürdig verselbständigender Räder. Der junge Arbeiter trat auf eine brusthohe Säule zu. Im Abstand von Waggon zu Waggon erhoben sich diese Säulen seitlich auf den Plafonds.

Diese Säulen –! Jetzt verstand sie es. Es waren diese metallenen Säulen, die so anders waren! So grob! Verkleidet mit schmutzigen, dicken Blechen. In den schräg sie deckelnden Ebenen talergroße Knöpfe. Für Riesen gemacht! Ihre Metalleinfassungen so rauh wie der Rest der Kästen, rau wie die grob geschweißten Metallplatten der legendären russischen Panzer auf dem berühmten russischen Mahnmal in Berlin, die sie damals bei ihrem spontanen Besuch im November 89 in Berlin bestaunte.

Der junge Mann war dicht vor die Säule getreten. Über der Hand sein riesiger lederner Handschuh. Mit seinem dicken Daumen drückte er auf einen der mächtigen Knöpfe, und langsam senkte sich der neben der Säule aufgebockte Waggon auf die ausgetauschten Achsen herab. Wieder machten sich die Männer an den Achsen zu schaffen. Und wieder hatten sie ihr Werk nach einer Weile peu à peu vollbracht. Noch einmal trat der junge Mann an die Säule. Diesmal drückte er mit seinen dicken Daumen verschiedene Knöpfe. Jetzt konnte sie kurz sein Gesicht betrachten. Sie sah seine kräftigen hohen Wangenknochen, seine wohlgeformten vollen Lippen. Sogar die von seiner mächtigen Stirn verschatteten Augen konnte sie für einen Augenblick sehen.

Schon aber war sein Gesicht von den Schultern eines Kollegen verdeckt. Eine Pulk von Arbeitern umringte ihn. Erschöpft ließen sie ihre müden muskulösen Körper übereinander auf die Säule fallen. Noch einmal kurz konnte sie das Gesicht des jungen Arbeiters mit seinen schönen Lippen betrachten. Sein Kopf war auf den Oberarm eines Kollegen geraten, seitlich mit der Wange auf die eigene Hand mit dem ledernen Handschuh gebettet. Das Gesicht lag ihr zugewandt. Kurz, schien es ihr, funkelten seine tiefen Augen. Dann schlossen sich seine schweren Lider. Und einen Moment lang noch fühlte sie das kühle weiße Leinen unter ihren Füßen. Dann ging sie zurück in ihr Abteil und schloss sich wieder ein für die Fahrt weiter von Brest nach Minsk und nach Moskau.

 




Roland Stelter

«Leons Bruder»
Roman einer Zeitenwende

Rotbuch/
EVA Europäische Verlagsanstalt

Hamburg 2005
406 S., geb. mit Schutzumschlag

ISBN 3-434-53134-3